Schon lange, im Prinzip schon mein ganzes Leben lang, stelle ich mir die Frage, “was ist eigentlich gute Erziehung?”
Was bedeutet es, wenn jemand sagt, dass ein Kind gut erzogen ist? Was erwarten wir, die Gesellschaft, von kleinen Menschen, die ja nicht minder Teil dieser Gesellschaft sind?
Gibt es eine feststehende Ideologie, Erziehungsmerkmale, die erfüllt sein müssen, um das Kriterium “wohlerzogen” zu erfüllen?
Während die einen davon überzeugt sind, dass Kinder um sich in der Welt von morgen zurechtfinden zu können, lernen müssen, auf das zu hören (im Sinne von gehorchen) haben, was Erwachsene ihnen sagen, sind die anderen sicher, dass Kinder nur dann glückliche grosse Menschen werden können, wenn man sie darin bestärkt, auf ihre eigenen Gefühle zu hören und im Zweifel natürlich dem Erwachsenen zu widersprechen.
Früher gab es die klassische Aussage “Kinder darf man sehen, aber nicht hören” – mitunter habe ich den Eindruck, dass die noch immer ihre Gültigkeit hat.
Viele bestehen darauf, dass Kinder “das Zauberwort” sagen, nicht wenige Eltern halten ihre Kinder jedoch ganz bewusst nicht dazu an, sich zu bedanken, weil sie es bevorzugen, dem Kind Höflichkeit vorzuleben und darauf vertrauen, dass das Kind im Laufe seines Lebens verstehen wird, dass es wichtig ist, respektvoll mit anderen Menschen umzugehen.
Um bei diesem Beispiel zu bleiben – bedeutet es, dass ein Kind, das nicht zuverlässig “danke” und “bitte” sagt, unerzogen ist?
Ist ein Kind unhöflich, das sich nicht wohl dabei fühlt, jemandem die Hand zu geben und “guten Tag” zu sagen?
Oder ein Kind, das laut lacht und spielt, gerne tobt und eben nicht nur im eigenen Garten zu hören ist?
Oder noch ein weiteres Beispiel: ich kann mich erinnern, dass mir selbst als Kind vermittelt wurde, dass ich, wenn ich bei anderen Menschen zu Gast bin, nicht danach zu fragen habe, ob ich etwas zu trinken haben dürfe. Das sei grob unhöflich, denn man habe zu warten, bis der Gastgeber von sich aus etwas anbietet.
So.
Nun erlebe ich es bei meinen Mamasitos, die völlig frei von der Leber weg sagen, ob sie Durst oder Hunger haben, ganz egal, wo sie sich gerade aufhalten, dass ich in völligem Entsetzen zusammenzucke, wenn sie das tun – und manchmal glaube ich auch gesehen zu haben, wie der/die ein oder andere Gastgeber/in mit grossen Augen in die Küche getrabt ist, um meiner Kinderschar das Gewünschte zu bringen.
Mir ist klar, dass die Frage nach einem Getränk eine völlig legitime ist, wenn man Durst hat – allerdings kollidiert das mit dem, was mir im Dienste einer “guten Erziehung” eingebläut vermittelt wurde und je weiter sich unser Familienradius durch Krabbelgruppe, Kindergärten, Schule, Sportverein etc. ausdehnt, desto häufiger stelle ich fest, dass wir durch unsere Art, mit den Mamasitos umzugehen, durchaus aus dem offenbar ungeschriebenen, aber geltenden Regelwerk der bravmachenden Erziehung herausfallen.
Ich finde es gut, wie wir das machen, ich finde es im Gegensatz zu meiner eigenen Erziehung wunderbar, dass die Mamasitos nicht vor Ehrfurcht vor uns Eltern platzen. Dass sie nicht aus Angst vor Strafe angepasst sind oder werden. Dass sie sich ihrer Selbst und den damit einhergehenden Überlegungen, Wünschen, Bedürfnissen und Gefühlen bewusst werden dürfen – und somit in der Folge natürlich immer wieder “auch” Erwachsenen widersprechen und eben nicht gehorchen – ich habe ein bisschen die Hoffnung, dass sie dadurch auch lernen, das Gerede der anderen nicht so wichtig zu nehmen…
…und trotzdem, angepasstes Kind, das ich zu sein hatte, merke ich doch, wie schnell ich verunsichert bin, wenn wir “wo” sind. Kann ich selbst hinter einem “oh toll, lecker, ein Gummibärchen” den Dank und die Freude erkennen, ohne dass es explizit ausgesprochen wird, tue ich mich schwer, das so hinzunehmen, sind wir von Menschen umgeben, die das Gummibärchen ohne “Zauberwort” garnicht erst rausrücken.
Anstatt mein Ding zu machen und weiter in die Mamasitos zu vertrauen, merke ich, wie ich den Impuls, auch zum “Dankesagen” aufzufordern, nur mit Mühe herunterschlucken kann und ein klein bisschen ein schlechtes Gewissen bekomme, weil meine Kinder eben nicht so funktionieren…
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