Palmenstrand's Blog

so fern und doch so nah

Manchmal wünschte ich… 11. April 2010

Filed under: Hey there — palmenstrand @ 12:56 pm
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… ich könnte jemand anders sein, anders leben, offen anders denken, wissen wer ich bin.

Manchmal würde ich gerne auf und davon, die Verantwortung abschütteln, mein weniges Geld und wichtigstes Hab und Gut nehmen, gerade so, dass es in einen Rucksack passt, und auf und davon gehen. Die Welt anschauen, oder einfach nur so lange an meinem liebsten Strand sitzen und die Burg anschauen, bis das Meer mir die Kraft zurück gegeben hat, die mir in den letzten, wer weiss wievielen Jahren, abhanden gekommen ist.

Ich wünschte ich könnte unabhängig sein, in Gedanken und Tun, könnte klar Stellung beziehen, angstfrei sein. Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn ich nicht Ehefrau und Mutter wäre. Allein in einer Altbauwohnung mitten in der grossen schönen oder irgendeiner anderen Stadt – vielleicht am Mittelmeer in einem kleinen Loft über dem Marktplatz. Die Treppen runterlaufen, die Türe aufstossen und mitten im Leben sein.

Die Sehnsucht in mir zu fliehen, die Wut darüber, dass meine Wünsche, Träume, Hoffnungen der Pflicht, meiner Verantwortung und Funktion untergeordnet sind, weil kaum einer meiner Gedanken zu Ende gedacht werden darf, ständigen Fragen und der Bitte, nein, der Forderung nach Antworten zum Opfer fällt, die mit mir so garnichts zu tun haben scheinen – und dann wieder die Angst, derlei Gefühle überhaupt zu haben, denn wenn sie jemand, eine höhere Macht hört, dann werde ich vielleicht gestraft, wird mir alles genommen, was ich liebe. Und natürlich liebe ich sie alle,so sehr ein Mensch nur lieben kann, würde sie, sofern es in meiner Macht steht, niemals niemals gegen etwas anderes eintauschen – ich wünschte nur, ich dürfte ein wenig mehr ich selbst dabei sein.

Wer bin ich denn eigentlich? Bin ich die Ehefrau, die ihren Mann nach Geld fragt, wenn sie welches haben möchte und sich dann schlecht fühlt, weil sie sich eine Kleinigkeit nur für sich geleistet hat. Bin ich die Mutter, die sich nach Kräften bemüht, ihren Kindern all das zukommen zu lassen, was sie selbst als Kind vermisst hat? Bin ich die verruchte Geliebte, die sich vor scheinbar unendlich lang vergangener Zeit unter bewundernden, verschlingenden Blicken aus warmen Laken gerollt hat und nach einer letzten Zigarette das Schlachtfeld verlassen (und oft nie wieder betreten) hat? Bin ich der Barkeeper, der in euphorisierenden Nächten Cocktails ausgeschenkt hat und sich dann und wann zu einem Lied auf die Tanzfläche gestohlen hat, um die Lebensfreude der anderen mit der eigenen im Takt der Musik zu vereinen? Bin ich nicht auch das lebensfrohe, unbekümmerte Kind, selbst wenn ich voller Selbstmitleid in der Ecke meiner Couch sitze und darauf warte, dass sich nicht mehr nur meine Gedanken, sondern auch das dazu gehörige Fleisch bewegen wird?

Aber kaum sind diese Gedankenblitze kurz aufgetaucht, sind sie schon wieder weg und ich backe weiter den Sonntagskuchen, den wir nachher vom Sonnenschein ummantelt in froher Runde zu uns nehmen werden.

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12 Responses to “Manchmal wünschte ich…”

  1. emily221 Says:

    Sehr schön geschrieben. Ein Teil von mir erkennt sich in deinen Worten auch wieder.

  2. tyndra Says:

    ich glaube, das ist normal – nur geben das die meisten nicht zu. denn schließlich sind wir ja alle zufriedene mütter und verständnisvolle ehefrauen, denen nichts zu ihrem glück fehlt, nicht wahr 😉

    es gibt zeiten, da erscheint mir eine nur von mir allein bewohnte 60m2-wohnung als inbegriff des paradieses. und zu anderen zeiten glaube ich, dass ich in derselben wohnung sehr unglücklich wäre. alles eine frage von ebbe und flut.

    [und davon abgesehen glaube ich, dass frau sowieso nur einigermaßen ausgeglichen leben kann, wenn sie einen angemessenen freiraum hat. zeit, die ihr allein gehört. aber das ist eine lange andere geschichte ^^]

  3. asinuscanus Says:

    Schön geschrieben. Danke dafür. Ich hoffe, Sie sind nicht nur Ehefrau und Mutter, sondern auch Gefährtin und Geliebte. So, wie Sie hoffentlich nicht nur einen Ehemann haben, dessen Geld Sie ausgeben, sondern dass dieser auch Ihr Gefährte und Ihr Geliebter ist. Der Alltag mit all seinen Pflichten frisst uns innerlich auf, erschafft einen Käfig, in dem wir uns gemütlich einrichten können, bis zuletzt selbst die Sehnsucht nur noch eine Ahnung ist. Den Soundtrack dazu liefert Bruce Cockburn: http://asinuscanus.wordpress.com/2010/04/11/musik-im-kopf-9/

    • katerwolf Says:

      das ist alles so melancholisch und wunderbar schön, was hier steht, schluchz 🙄
      nein, im ernst, liebe frau palmenstrand, das ist wirklich aus der seele geschrieben, sehr schön, wie sie die sehnsucht in worte fassen. sehr treffend vor allem auch. ich persönlich habe ja kürzlich die erfahrung gemacht, dass man nicht immer zu lange warten sollte auf dinge, die einem wirklich unter den nägeln brennen. man lebt möglicherweise nur 1x und weiß nie, wie lange.

      liebe grüße vom katerwolf

  4. dachfenster Says:

    Oh ja, es ist wundervoll geschrieben. Und auch ich gebe es zu: „Manchmal wünschte ich …“

  5. paulaqu Says:

    Ich reihe mich ein: auch ich bin manchmal am Rande des Wahnsinns angelangt, weiß nicht mehr, wer ich bin (oder bin ich eigentlich noch jemand?), was ich hier mache, für wen und würde gerne mal die Flucht ergreifen (an so manchen Tagen würde ich für ein Stündchen Ruhe fast einen Mord begehen….). Und dann, im nächsten Augenblick, ist alles wieder gut so wie es ist….(Als ich kürzlich beim Friseur saß, um mein Haupt verschönern zu lassen, dachte ich so bei mir: „Örks, acht Stunden Haare schneiden etc, Kundinnengeschwätz dazu….da geh ich doch lieber Heim zu meiner Horde Monster, da ist es irgendwie abwechlungsreicher!), nur gibt es bei uns keinen Kuchen, da ergreifen sonst alle die Flucht!

    • palmenstrand Says:

      @ tyndra Sie haben das sehr gut auf den Punkt gebracht!

      @asinuscanus Vielen Dank für Ihre Gedanken, leider haben mich die Antworten auf Ihre Fragen zusätzlich nachdenklich gestimmt… mal sehen, was ich daraus nun mache…

      @ dachfenster & paulaqu – vielleicht sollten wir einfach einen Club gründen und gemeinsam leckeren, selbstgebackenen Kuchen verspeisen… 🙂

      • asinuscanus Says:

        Oh – ich hoffe, ich bin Ihnen nicht auf die Zehen getreten. Das täte mir leid. Falls Sie noch ein männliches Clubmitglied brauchen: Kuchen backen kann ich auch.

  6. palmenstrand Says:

    Ach wo, nein, machen Sie sich da mal keine Gedanken, es ist nur in der Tat wahnsinnig schwer, sich in dem ganzen Kuddelmuddel nicht zu verlieren und Kraft dafür aufzubringen, mehr als nur ein funktionierendes, ausführendes Objekt zu sein… und was den Kuchen angeht; das finde ich mal ein wirklich überzeugendes Angebot!!!;-)

  7. Manchmal wirft auch das schöne Leben Schatten…

  8. Belle Says:

    Kenne ich nur zu gut…


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