Palmenstrand's Blog

so fern und doch so nah

Gute Erziehung 22. April 2010

Filed under: Hey there — palmenstrand @ 11:20 am
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Schon lange, im Prinzip schon mein ganzes Leben lang, stelle ich mir die Frage, „was ist eigentlich gute Erziehung?“
Was bedeutet es, wenn jemand sagt, dass ein Kind gut erzogen ist? Was erwarten wir, die Gesellschaft, von kleinen Menschen, die ja nicht minder Teil dieser Gesellschaft sind?
Gibt es eine feststehende Ideologie, Erziehungsmerkmale, die erfüllt sein müssen, um das Kriterium „wohlerzogen“ zu erfüllen?

Während die einen davon überzeugt sind, dass Kinder um sich in der Welt von morgen zurechtfinden zu können, lernen müssen, auf das zu hören (im Sinne von gehorchen) haben, was Erwachsene ihnen sagen, sind die anderen sicher, dass Kinder nur dann glückliche grosse Menschen werden können, wenn man sie darin bestärkt, auf ihre eigenen Gefühle zu hören und im Zweifel natürlich dem Erwachsenen zu widersprechen.
Früher gab es die klassische Aussage „Kinder darf man sehen, aber nicht hören“ – mitunter habe ich den Eindruck, dass die noch immer ihre Gültigkeit hat.
Viele bestehen darauf, dass Kinder „das Zauberwort“ sagen, nicht wenige Eltern halten ihre Kinder jedoch ganz bewusst nicht dazu an, sich zu bedanken, weil sie es bevorzugen, dem Kind Höflichkeit vorzuleben und darauf vertrauen, dass das Kind im Laufe seines Lebens verstehen wird, dass es wichtig ist, respektvoll mit anderen Menschen umzugehen.

Um bei diesem Beispiel zu bleiben – bedeutet es, dass ein Kind, das nicht zuverlässig „danke“ und „bitte“ sagt, unerzogen ist?
Ist ein Kind unhöflich, das sich nicht wohl dabei fühlt, jemandem die Hand zu geben und „guten Tag“ zu sagen?
Oder ein Kind, das laut lacht und spielt, gerne tobt und eben nicht nur im eigenen Garten zu hören ist?
Oder noch ein weiteres Beispiel: ich kann mich erinnern, dass mir selbst als Kind vermittelt wurde, dass ich, wenn ich bei anderen Menschen zu Gast bin, nicht danach zu fragen habe, ob ich etwas zu trinken haben dürfe. Das sei grob unhöflich, denn man habe zu warten, bis der Gastgeber von sich aus etwas anbietet.
So.
Nun erlebe ich es bei meinen Mamasitos, die völlig frei von der Leber weg sagen, ob sie Durst oder Hunger haben, ganz egal, wo sie sich gerade aufhalten, dass ich in völligem Entsetzen zusammenzucke, wenn sie das tun – und manchmal glaube ich auch gesehen zu haben, wie der/die ein oder andere Gastgeber/in mit grossen Augen in die Küche getrabt ist, um meiner Kinderschar das Gewünschte zu bringen.
Mir ist klar, dass die Frage nach einem Getränk eine völlig legitime ist, wenn man Durst hat – allerdings kollidiert das mit dem, was mir im Dienste einer „guten Erziehung“ eingebläut vermittelt wurde und je weiter sich unser Familienradius durch Krabbelgruppe, Kindergärten, Schule, Sportverein etc. ausdehnt, desto häufiger stelle ich fest, dass wir durch unsere Art, mit den Mamasitos umzugehen, durchaus aus dem offenbar ungeschriebenen, aber geltenden Regelwerk der bravmachenden Erziehung herausfallen.
Ich finde es gut, wie wir das machen, ich finde es im Gegensatz zu meiner eigenen Erziehung wunderbar, dass die Mamasitos nicht vor Ehrfurcht vor uns Eltern platzen. Dass sie nicht aus Angst vor Strafe angepasst sind oder werden. Dass sie sich ihrer Selbst und den damit einhergehenden Überlegungen, Wünschen, Bedürfnissen und Gefühlen bewusst werden dürfen – und somit in der Folge natürlich immer wieder „auch“ Erwachsenen widersprechen und eben nicht gehorchen – ich habe ein bisschen die Hoffnung, dass sie dadurch auch lernen, das Gerede der anderen nicht so wichtig zu nehmen…
…und trotzdem, angepasstes Kind, das ich zu sein hatte, merke ich doch, wie schnell ich verunsichert bin, wenn wir „wo“ sind. Kann ich selbst hinter einem „oh toll, lecker, ein Gummibärchen“ den Dank und die Freude erkennen, ohne dass es explizit ausgesprochen wird, tue ich mich schwer, das so hinzunehmen, sind wir von Menschen umgeben, die das Gummibärchen ohne „Zauberwort“ garnicht erst rausrücken.
Anstatt mein Ding zu machen und weiter in die Mamasitos zu vertrauen, merke ich, wie ich den Impuls, auch zum „Dankesagen“ aufzufordern, nur mit Mühe herunterschlucken kann und ein klein bisschen ein schlechtes Gewissen bekomme, weil meine Kinder eben nicht so funktionieren…

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14 Responses to “Gute Erziehung”

  1. […] This post was mentioned on Twitter by erziehung, kankuna and Sandra Mücke, Sandra Muecke. Sandra Muecke said: Gute Erziehung « Palmenstrand's Blog: Während die einen davon überzeugt sind, dass Kinder um sich in der Welt von… http://bit.ly/cPFFSs […]

  2. Also ich habe Vier, die haben auch nicht einfach funktioniert. Das Vorleben, was man tun soll (?) und nicht tun soll (?) ist eine Sache, aber das heißt noch lange nicht, daß die Kinder das tatsächlich übernehmen. Ich denke, ein Stück weit liegt es auch im Charakter des Kindes. Gerade bei meinen Vier, die ja nun schon älter sind (13 – 21), sehe ich ja die Unterschiede. Und wage zu behaupten, daß wir alle gleich erzogen haben!!! Erzogen werden die Kinder auch von der Umwelt, im Kindergarten, Schule, unter Freunden und in deren Familien. Ich gehöre auch zu den Menschen, die (leider!) heute noch nicht sagen, daß sie Durst haben, wenn ich mal woanders bin. Auch ich warte meist immer, bis man mir was anbietet. Und so versuche ich, den Gästen in unserem Haus diese Quälerei zu ersparen, indem ich immer wieder frage, oder einfach was hinstelle. Oder sage: da und dort ist was, kannste dir holen. Ich finde es mutig, wie manche Kinder heute sind, auch wenn sie anecken. Es ist immer eine Frage des Taktes, der Art, wie man ist. Und viele Erwachsene, gerade ältere, haben das alte Denken noch so intus, daß sie dann die Kinder verurteilen als „schlecht erzogen“, nur weil sie ihre Grundbedürfnisse äußern. Wäre es ihnen wohl auch lästig oder unangenehm, wenn die Kinder nicht fragen, ob sie was zum Trinken bekommen, sondern wenn sie fragen, wo das Klo ist??? Na also … 😉 Mutige und starke Kinder braucht das Land. Der Ton macht die Musik, da kann man evtl. noch bißchen „erziehen“, aber ansonsten sollen sie ruhig sagen dürfen, was sie wollen – und was nicht (siehe Thema Vergewaltigung …).
    Liebe Grüße
    Ellen

    • palmenstrand Says:

      Das mit dem Klo ist übrigens auch ein wunderbares Beispiel – auch das war in meiner Erziehung ein „no go“ – man benutzt keine fremden Toiletten und schon garnicht fragt man danach.
      Vielleicht ist das die Ursache dafür, dass ich geradezu magisch von fremden Toiletten angezogen bin. *lach*

  3. sevenjobs Says:

    OH, welch ein großes Thema. Danke, bitte, dazwischenreden, pupsen, rulpsen, bei Tisch räkeln, laut gähnen, mit vollem Mund reden, immer erst dem Gast was anbieten bevor man sich selber was nimmt, nicht laut um Mitbringsel betteln, Wurst beim Metzger einfordern……..die Liste könnte man bestimmt beliebig erweitern. Was ist richtig, was ist falsch? Gibt es diese Einteilung überhaupt? Ich finde, der andere muss respektiert werden und man darf ihn nicht in seinem Wohlbefinden beeinträchtigen. Obwohl diese Definition auch schon wieder schwammig ist. Oh je, besser, ich hätte nie mit dem Kommentar angefangen….

    • palmenstrand Says:

      Nein, oh nein, ich freue mich über Ihren Kommentar, die Beispiele, die Sie genannt haben, sie sind genau die, um die es geht, die aus dem Leben mit Kindern gegriffen sind und es ist so schön zu sehen, dass es anderen auch so geht, dass es nicht eine perfekte und eine weniger perfekte Elternfront gibt.

  4. asinuscanus Says:

    Das mit dem Vorleben funktioniert ja nur dann, wenn die liebe Kleinen auch erkennen, dass ihnen was vorgelebt wird, sie also bereit sind, das auch nachzumachen…

    Ich erlebe meine eigenen Kinder oft genug als egoistisch, völlig unempathisch, fordernd und rücksichtslos. Das hat nichts damit zu tun, dass sie ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht äußern dürfen. Das sollen Kinder tun – und wer dabei zusammenzuckt, der hat offenbar ein Problem… Es ist vielmehr die Frage, wo eine (höfliche) Bitte aufhört und eine raubritterartige Forderung anfängt. Diese Grenze müssen sie kennen lernen. Und wir Eltern müssen sie ihnen beibringen. Aktiv beibringen, nicht darauf hoffen, dass sie irgendwann bereit sind, von uns etwas anzunehmen, was sie ja doch nur einschränkt…

    • palmenstrand Says:

      Was glauben Sie also, warum erleben Sie Ihre Kinder als egoistisch, unempathisch, fordernd und rücksichtslos? Weil sie schlecht erzogen sind oder weil sie schlicht Kinder sind? Wie ist es für Sie als Vater, wenn Ihre Kinder so sind, wie Sie es beschrieben haben. Was denken Sie da, wie fühlen Sie sich damit, wie gehen Sie damit um? Denken Sie sich, „da müssen wir aber als Eltern nochmal ansetzen, um die Kinder da gesellschaftskompatibler zu machen“?
      Bitte verstehen Sie meine Fragen nicht falsch, es interessiert mich wirklich!!!

      • asinuscanus Says:

        Ich liebe meine Kinder. Ich erlebe sie als Kinder, nicht als kleine Erwachsene. Als Wesen, die sich in der Welt zurechtfinden müssen, die ausprobieren, permanent Grenzen austesten, sich selbst und ihren Platz auf der Welt erst finden müssen. Sie selbst wissen das nicht, aber wir Eltern wissen das. Kinder sind, wie sie sind. Sie sind nicht von Natur aus unschuldig und gut, auch nicht durchtrieben und böse. Sie sind – aus gutem Grund – egoistisch. Sie wollen überleben und zwar möglichst gut. Das ist ein ganz archaisches Verhalten. Das Problem der Erziehung ist dabei, dass wir nicht mehr in archaischen Welten leben, sondern in einer Zivilisation und einer Kultur, die darauf basiert, dass eben nicht jeder seine eigenen Bedürfnisse durchdrückt, sondern in der auch so Dinge wie gegenseitige Rücksichtnahme, Selbstbeherrschung, Kommunikation und überhaupt Regeln gelten.

  5. emily221 Says:

    Sehr schön geschrieben – und so wahr!

  6. Grethe Says:

    Ein heißes Thema und sicher eines über das man ganze Seiten füllen könnte. Ich selber war ein sogenanntes „schwieriges Kind“, meine Kinder wuchsen während der ‚antiautoritären Erziehung“ auf. (man bemerke auch die benutzten noch das Wort „Erziehung“). Ich finde dieses Wort schrecklich und irgendwie typisch Deutsch. Franzosen und Engländer nennen es Education (Ausbildung). Dieser Ausdruck paßt meiner Meinung viel besser. Eltern sind Ausbilder, Trainer und natürlich auch liebevolle Begleiter.
    Im übrigen müssen Grenzen nicht zwangsläufig als etwas Negatives und Einengendes gesehen werden. Sie bieten auch Schutz und sorgen für Orientierung. Meine Erfahrung mit Kindern: auch wenn sie manchmal dagegen rebellieren – sie wollen trotzdem wissen wo ihre Grenzen sind. Das gelegentliche Überschreiten der Grenze gehört auch zum Lernprozess dazu. 🙂
    Mit Grüßen, Grethe (3-fache Oma)

  7. tyndra Says:

    also mal ehrlich: mir sind kinder lieber, die sagen was sie wollen und nicht rumsitzen wie ein vergessener sack und erst nach zweistündigem nachfragen preisgeben, dass sie gerne ein glas saft hätten. ich brauche kein bitte und danke, der ton macht die musik.

    freundInnen meiner kinder beurteile ich danach, ob und wie sie beim gemeinsamen essen am gespräch teilnehmen können oder nicht. ob sie danach ihre teller wegtragen, ist mir schnurz, denn sie sind gäste.

    und: grethe hat total recht. ich sehe das ganz genauso 🙂

  8. Anna Miller Says:

    Da hast du ein sehr schönes Thema gefunden.
    Ich glaube, das das immer Ansichtssache ist. Was erwartet man vom Kind und wie gibt man sich selbst.
    Ich erwarte von meinem Kind nicht, das es immer brav neben mir sitzt oder steht, sondern das es KIND ist. Und ein Kind kann und muss auch mal rumtoben. Nur so kann es seine eigenen Erfahrungen machen. Besonders wenn es mit seinem Verhalten aneckt und auf Ablehnung stösst.
    Wenn man nur mit der Erziehungskeule hinter einem Kind her ist, bricht es sicherlich irgendwann aus dem eng gesteckten Rahmen aus und wird dann zum Problemkind.
    Mein Kind weiß sich – seinem Alter entsprechend – sicherlich gut zu benehmen. Und mehr möchte ich auch nicht.

    Liebe Grüße
    Anna

  9. Daxie Says:

    Schwieriges Thema, da ich selbst keine KInder habe, bin ich von einer Loesung noch weiter entfernt als Andere. Mir ist nur aufgefallen, dass die Eltern in unserem Freundeskreis, wenn wir zusammen mit deren Kindern unterwegs sind, immer besonders gestresst wirken, wenn die Kleinen einfach das sind was sie sind, eben Kind , wenn wir als Kinderlose dabei sind.
    Als haetten wir kein Verstaendnis, nur weil wir selbst keine Kinder haben.
    Dabei ist oft eher das Gegenteil der Fall. Mir ist von der Aussenbeobachtung her aufgefallen, dass gerade anderen Eltern oft diejenigen sind, die die Brauen hochziehen, wo wir noch lange voellig entspannt sind.
    Was mir in meiner taeglichen Arbeit mit Kindern jedoch aufgefallen ist, dass alle, entsprechend ihrer Altersklasse, wohl entsprechende Grenzen erfahren wollen.
    Mit dem Vorleben ist das auch so eine Sache, obwohl ich vorlebe, dass man seinen Muell nicht auf der Straße verteilt, wird das ab einem bestimmten Alter wohl ein Sport.
    Ich weiß es nicht, wie gesagt, ich habe keine Kinder, ich arbeite mit ihnen taeglich und erlebe sie daher nur aus „zweiter Hand“.
    Vielleicht gibt es irgendwie einen goldenen Mittelweg ?


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