Palmenstrand's Blog

so fern und doch so nah

Sozialforschung 23. September 2010

Filed under: Autsch!!,Hey there,Oups! — palmenstrand @ 9:16 pm
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Einer meiner Professoren warf zu Anfang meines Studiums ein Foto mittels Tageslichtprojektor an die Wand, auf dem ein Schnitt durch die Gesellschaft zu sehen war. Eine Gruppe Jugendlicher, mit Punkfrisuren und Bierflaschen um einen Brunnen herumsitzend, Hunde dabei. Daneben chic gekleidete Leute, Menschen, die aus dem Fenster schauen, das Gesicht verziehen, Kinder usw.

Unsere Aufgabe war es, das Bild zu betrachten und zu beschreiben, was wir sehen und wie wir die Personen einschätzen.
Innerhalb kürzester Zeit waren wir soweit, die Jugendlichen zu Obdachlosen zu machen, Alkoholiker, Drogenabhängige sogar, Hausbesetzer, Herumtreiber etc. – die gut gekleideten Menschen waren die Stützpfeiler unserer Gesellschaft, gut situiert, vermutlich mit Kindern, dem obligatorischen Golf Touran o.ä. und einem Golden Retriever zu Hause.
Es hat uns riesigen Spass gemacht, diese Analysen auf die Spitze zu treiben und wir haben uns gegenseitig in einen regelrechten Rausch katapultiert – jeder versuchte eine noch treffendere, noch klischeehaftere Idee aufzubringen und wir lachten uns dabei kaputt.

Das Lachen blieb uns im Halse stecken, als der Dozent uns darauf aufmerksam machte, dass es seine Intention war, uns spüren zu lassen, wie sehr wir alle in Schubladen denken und Menschen darin versenken. Wir glauben uns darüber erhaben, sind wir doch selbst stets darauf erpicht, in keine der mannigfaltigen Schubladen gesteckt zu werden, nichts desto Trotz genügen schon winzige Augenblicke und unser erstes Urteil über die Menschen, denen wir begegnen steht (vorläufig) fest.

Ich selbst bin von mir selbst überzeugt, ein völlig unvoreingenommener Mensch zu sein, ich halte mich für tolerant, absolut aufgeschlossen und ärgere mich masslos über die Schubladen, in denen ich mir vorstellen kann, von anderen einsortiert zu werden.
Am vergangenen Wochenende, beim Fußballturnier eines Mamasitos, schmunzelte eine andere Mutter mit Blick auf einen „gegnerischen Vater“ der dackelbeinig das Spielfeld überquerte und sagte: Schau mal, der da spielt auch seit seiner frühesten Jugend Fußball… Ich musste natürlich mitschmunzeln, denn die Aussage passte so gut zu der Erscheinung des Mannes.
Gestern war ich nun mit einem der Mamasitos auf einem neuen Spielplatz, auf dem wir bisher noch nie waren. Schon auf dem kurzen Fußweg vom Auto dorthin sah ich zwei dunkelhäutige Frauen in traditionell afrikanischer Kleidung auf einer Bank sitzen und weil ich eine ganz besonders intensive Beziehung zum afrikanischen Kontinent habe, habe ich mich gleich angezogen gefühlt und steuerte zur eventuellen Kontaktaufnahme eine nahegelegene Bank an. (im Geiste sah ich uns schon über spannende, exotische Rezepte plaudern…)

Keine zwei Minuten sass ich, da musste ich so über mich selbst und mein Schubladendenken lachen, dass ich kaum noch aufhören konnte. Die beiden Frauen sprachen nämlich mit ihren Kindern im absolut reinsten Hochdeutsch – absolut akzentfrei und, wie sich darüber hinaus im Laufe des Nachmittages herausstellte, sie waren beide schon seit ihrer frühesten Kindheit nicht mehr in Afrika,…

Ich habe nicht verurteilt – die von mir „gewählte“ Schublade hat dazu beigetragen, dass ich neugierig und interessiert war, nichts desto Trotz hat mich die Situation aufmerksam dafür gemacht, wie blitzschnell aber auch abgefertigt wird: Mensch anschauen, Raster durchlaufen lassen, tack tack tack – auch wenn es normal anmutet, automatisch, mitunter gänzlich unbewusst geschieht, wieviel Schaden kann eine solche Denke auch anrichten.
Wie schwer ist es für die Betreffenden, aus einem einmal gefertigten Bild wieder heraus zu hüpfen, wie viele wertvolle Kontakte gehen für einen selbst verloren, weil an fleckiger Kleidung Anstoss genommen wird, abgetragene Schuhe, Ringe unter den Augen, ein breiter Hintern, eine markante Nase,…, jaja, das sind doch nur Oberflächlichkeiten, sowas machen wir doch alle nicht – und doch bin ich davon überzeugt, dass gerade diese Banalitäten häufig die Ausschlusskriterien sind, die dazu beitragen den oder die ein oder andere/n von unserer Liste zu streichen.

Ich bin total aufgeschlossen, wahnsinnig tolerant, jederzeit unvoreingenommen,………. 🙂 und ich habe mir jetzt vorgenommen, mit diesem Thema künftig noch sensibler umzugehen, mich immer wieder zu prüfen und auch in dieser Hinsicht einen vielleicht nicht neuen, aber doch bewussteren Weg einzuschlagen!!

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2 Responses to “Sozialforschung”

  1. tyndra Says:

    vorurteile haben ja auch eine engere persönliche soziale komponente, sonst würden uns dieselben schlappen immer wieder passieren. soooo schlecht sind vorurteile nicht, und ich behaupte mal: es gibt niemanden, der/die vorurteilsfrei ist. dazu ein recht interessantes buch: „kleine einführung in das schubladendenken“ von jens förster.

    sehr interessantes thema!

  2. Sie haben schon ziemlich recht, Frau Palmenstrand…
    Ich glaube, ich könnte mich ihrem Vorhaben mal glatt anschließen 🙂
    Grüße vom Schneckenhäuschen 🙂


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