Palmenstrand's Blog

so fern und doch so nah

Impossible 27. März 2013

Filed under: Autsch!!,Song of the day — palmenstrand @ 11:53 am

Als ich mit unserem ersten Kind schwanger war, wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich Entscheidungen nicht mehr alleine würde treffen können. Als Kind eines erzkonservativen Hauses wäre ich auf viele Ideen nicht gekommen, die für meinen Mann völlig selbverständlich waren. Was ihm zum Beispiel völlig klar war, war daß wir uns erst darüber informieren sollten, ob oder ob wir unser Kind nicht impfen lassen sollten.

Diese Frage hatte ich mir noch nie gestellt. Dort, wo ich herkomme, impft man, ißt was auf den Tisch kommt und zwar den Teller leer, geht in den Kindergarten, lernt dort Benimm, denkt nicht nach, fragt nicht und benutzt den Kopf in der Regel nur, um damit optisch einen guten Eindruck zu machen, widerspricht nie, niemals einer Obrigkeit (Lehrer, Erzieher, Pfarrer, Ärzte, Anwälte und ganz wichtig für Kinder: generell keinem Erwachsenen) – ohnehin sieht der liebe Gott alles, also Achtung!

Nachdem die Impffrage  zwischen uns allein nicht geklärt werden konnte, bin ich im Internet auf die Suche gegangen und dann über Umwege auf einer wunderbaren Eltern – Website mit Forum gelandet, die Elternsein so proklamiert hat, wie es mir völlig logisch erschien, was ich aber aufgrund meiner eigenen Erziehung nie kennen gelernt habe.

Respektvoller Umgang, bedürfnisorientierte Erziehung, tragen statt schieben, lange Stillen und letztlich auch andere Formen der Pädagogik – Themen, die eine Saite in mir zum Klingen gebracht haben, die schon lange angerührt werden wollte, aber bisher keine Bezugspunkte hatte.

Der Weg in diese Richtung war und ist nicht so leicht – meine Familie hat mich schon für völlig verrückt gehalten, als ich mit 18 beschlossen habe, kein Fleisch mehr zu essen.

Jetzt wurde ich massiv angefeindet, als wir beschlossen hatten, das erste Lebensjahr garnicht und dann nur partiell zu impfen. Als ich nach 5 Monaten nicht begonnen hatte, Karottenbrei zuzufüttern, standen ihnen die Haare zu Berge, ganz zu schweigen, als ich nach 1 Jahr immernoch stillte.

Selbstredend wurde ich immer wieder damit konfrontiert, dass ein Mann auch seine Bedürfnisse hätte und das Kind doch endlich aus unserem Bett raussollte, damit ich meinem Mann wieder zu Diensten sein könne. (…)
Als wir in einem Montessorikindergarten landeten, noch dazu in einer Elterninitiative, war die Verwandtschaft völlig verzweifelt, weil sie dachten, in einer Elterninitiative gäbe es nur Eltern und keine Erzieher.   (und wo kommen wir da hin, was sollen die Kinder da lernen und die Sitten, oh Gott, der Verfall der Sitten)

Vermutlich muss ich nicht erwähnen, dass die Schuld dieses ganzen Desasters meinem armen Mann in die Schuhe geschoben wurde – immerhin muss ich ja durch ihn auf diese völlig irrwitzigen Ideen gekommen sein.

Tatsächlich, auch wenn ich noch immer aufgrund meiner fehlenden „Alternativ – Wurzeln“ zögere, mich die permanenten „oh weh und ach und wie kannst Du nur“ – Ausrufe erschüttern, und ich mitunter fürchterlich unsicher werde, habe ich diese Idee, „so sollte es sein“ immer tiefer verinnerlicht:

Es soll meinen Kindern gut gehen – nicht im vorwiegend materiellen Sinn, wie bei mir damals, sondern im Ganzen.

Ihren kritischen Gedanken soll nicht Halt geboten werden, weil sie mit einem Erwachsenen sprechen, sie sollen denken und sagen dürfen, sich geliebt fühlen, dafür wer sie sind, sollen wissen, dass wir immer da sind, dass wir sie nicht in Frage stellen, dass wir ihnen die Hand reichen, damit sie ihren Weg eigenständig gehen können – ganz egal in welche Richtung er sie führt und ob er populär sein wird.

Um das konsequent zu ermöglichen, war es uns wichtig ein alternatives Schulsystem auszusuchen, die Regelschule kam für uns nicht in Frage. Wir wollen nicht, dass die Leistung und das Wissen unserer Kinder mit abstrakten Zahlen bewertet wird. Wollen nicht, dass die Kinder von klein an – (und sie sind ja mit Schuleintritt noch so klein!!!) zu Teilen der Leistungsgesellschaft herangezogen werden, kiloschwere Schulranzen schleppen, anstatt zu spielen von der ersten Klasse an auf Proben büffeln und ihre Nachmittage mit Hausaufgaben verbringen, statt im Bach nach Kaulquappen zu fahnden – um sich dann am Ende des Schuljahres zum Kotzen zu fühlen, weil da eine schlechte Note jede Freude am Lernen verdirbt und der Druck stetig steigt.

Nachdem es im Kindergarten bereits Montessori war, gingen wir auf die Suche nach passenden Schulen dazu und wurden Gott sei Dank fündig – der Schulplatz, der uns eine Woche nach dem Tod meines Papas angeboten wurde, schien wie ein Geschenk des Himmels.

In den ersten Monaten bin ich jeden Tag weinend aus dem Schulhaus gekommen, weil ich SO dankbar war, dass mein Kind an einer so wunderbaren Schule lernen darf. Wir haben uns engagiert so viel wir konnten, weil wir mit Haut und Haaren hinter dem Konzept, der Pädagogik, den Lehrern und allem standen, was die Schule ausmacht.

Nach so langer Zeit des Strauchelns, des Nichtwissens, wo ich hingehöre, welches mein Weg ist auch wenn er das komplette Gegenteil all dessen ist, was ich zu Hause vorgelebt bekommen habe, ich hatte das Gefühl, endlich angekommen zu sein – für mein Kind, für uns als Familie aber auch für mich ganz persönlich – nur sehr kurz nach der Einschulung fing ich an, in der Schule meines Kindes zu arbeiten. Nicht sehr ertragreich, aber der schönste, vielseitigste, dankbarste Job den ich mir je vorstellen konnte. Kreis zu.

Einige Jahre ist alles supertoll gelaufen, in diesem Herbst sollte nun auch das Minikind eingeschult werden – alle für eine, eine für alle – als Geschwisterkind und Kind einer Mitarbeiterin der Schule eigentlich ein „gegessener Kas“ – tja.

Das Minikind ist zu wenig angepasst, es hinterfragt zu viel und nimmt nicht einfach an, dadurch ist es destruktiv zu sich selbst. Darüber hinaus stellt es sich durch das Hinterfragen (=Anzweifeln der Entscheidung der Lehrer) auf eine Stufe mit dem Erwachsenen und somit auch über die anderen Kinder. Es ist zu selbstbewusst, auf eine bisher nie dagewesene Art, auf eine für dieses Alter untypische, nicht normale Art.

Man sei sehr wohlwollend gewesen, aber selbst mit dem halben Jahr, das noch bis zum Schulanfang bleibt, glauben sie nicht daran, dass dieses Kind adäquat beschulbar sei.

Keinen Schulvertrag für dieses Kind!

Wir alle leben diese Schule mit allem was wir haben, tief aus unserem Herzen heraus nehmen wir teil, gestalten wir mit….

… unser zweites Kind (ein im übrigen willensstarkes aber absolut unauffälliges, fröhliches, entspanntes, gesundes Kind) darf nicht hin. Und jetzt?

Jetzt bin ich erschüttert bis ins Mark, stelle die Pädagogen der Schule in Zweifel, die Schule und alles, was mit ihr zu tun hat. Wie kann man eine solche Entscheidung treffen, wenn doch klar sein MUSS, dass wir als Familie nicht dort bleiben können, wenn unser Kleinstes den Zutritt verwehrt bekommt? Wie können wir weiter aktiv an die Schule glauben, mitarbeiten und -gestalten wenn wir wissen, das Minikind steht am Rand und ist sich darüber bewusst, dass wir alle dazugehören – nur eben das Minikind nicht?

Nur, wo sollen wir denn jetzt hin, alle miteinander? Die Bewerbungsformalitäten sind an allen freien Schulen abgeschlossen, die Zusagen erteilt – bleibt die Regelschule – für mich die Pest und an unserer Sprengelschule noch Cholera dazu.

Oh und diese Genugtuung in der  homebase:“ Ha Gott sei dank, dann geht wenigschtens einer auf a richtige Schul‘ !“

Ich könnte um mich schlagen..

Advertisements
 

One Response to “Impossible”

  1. madameklutze Says:

    Ja, ja die homebase, immer wieder qualifiziert im Bereich pädagogisch besonders wertvoll.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s